Lebensräume für Menschen verändern sich ständig. Im 21. Jahrhundert wächst die Weltbevölkerung weiter und die „Landflucht“ wird sich weiter verschlimmern. Der Zustrom der Bevölkerung stellt globale Mega-Citys, aber auch mittelgroße Städte in Sachen Luftverschmutzung vor immer größere werdende Aufgaben. Anfang des neuen Jahres kann es für europäische Städte richtig unangenehm werden: London, München, Barcelona droht eine Strafe weit über 800.000 Euro, wenn sie ihre Feinstaub-Grenzen nicht einhalten.

Also was tun? Logisch, mehr Grün. Doch mehr Grün verlangt nach mehr Platz und der ist oft nicht da und massiv teuer. Jeder Stadtverantwortliche wird denselben Traum haben. Ein System, dass die ganzen Abgase und den ganzen Dreck aus der Luft wegsaugt. Pasta! Was im Großen geträumt wird, funktioniert im Kleinen schon.

Citytrees sind biologische, platzsparende Systeme, die nach Aussagen ihrer Gründer, die Luft viel effektiver reinigen als Bäume. Ein großer Vorteil von Citytrees – sie sind mobil. Ihr Aussehen ist interessant. Mit der Größe einer Werbetafel nehmen sie es durchwegs auf und die grüne, bewachsene Oberfläche präsentiert ein modernes nachhaltiges Stadtbild. Eine integrierte Sitzbank lädt Stadtbewohner zur Pause ein.

Wir haben mit Peter Sänger, einem der Gründer von Citytree gesprochen:  

Peter Sänger   Foto: citytree solutionPeter Sänger Foto: citytree solutionsWie kommt man auf eine Idee eines Citytrees?

Auf Reisen in Asien und Südeuropa im Sommer spürten wir die Probleme verdreckter Luft und massiver Aufheizung in Metropolregionen am eigenen Leib. Auffällig war, dass es sich umso unerträglicher anfühlte, je weiter Grünflächen entfernt waren. In Madrid und Paris spürten wir im Vorbeigehen an begrünten Fassaden, wie diese Flächen Abhilfe für eben diese Probleme schaffen können. Aus diesem Grund kreieren wir Grünflächen, die überall platzierbar sind.

Herr Sänger, Sie sind Gartenbauer. Weiter im Gründungsteam von Green City Solutions sind einArchitekt, ein Maschinenbauer und ein Medieninformatiker. Wie haben Sie sich gefunden?

Meine späteren Mitgründer besuchten mich auf Geheiß meines Professors an der Fakultät, um zu testen, ob es möglich ist, mit Pflanzen einen QR-Code lesbar zu machen. Nach Abschluss der gemeinsamen Arbeit blieben wir weiterhin in Kontakt, bis wir uns dazu entschlossen, einen Businessplan zu verfassen – seither arbeiten wir gemeinsam in einem Team. Zwei der Gründer kennen sich bereits aus Kindheitstagen, der dritte stammt aus dem Studienfreundeskreis.

Herr Sänger, können Sie für unsere Leser das Prinzip von Citytree  „in einfachen Worten“ erklären?

Unser Ziel ist es, die Luft, die wir tagtäglich atmen, zu säubern und reinzuhalten. Dazu benötigen wir folgende Dinge: (Gefäß-)Pflanzen, Moose und eine sowohl technisch als auch im Design gut entwickelte Konstruktion. Diese Konstruktion vereint zwei wesentliche Eigenschaften:  Sie ermöglicht sowohl die Gesunderhaltung der Pflanzen und Moose als auch den flexiblen Einsatz an nahezu jedem Ort.
Mit unserem patentierten Citytree ist uns die optimale Kombination aus allem gelungen. Er ermöglicht die Platzierung von 1682 Einzelpflanzen, die in einem Substrat aus verschiedenen Moosen wachsen. Intelligente Sensoren überwachen stets den Gesundheitszustand der Pflanzen und regeln Düngung und Bewässerung. Unsere eigens entwickelten Töpfe garantieren ein gutes Wachstum in der Vertikalen. Da der Citytree auf Grund eines eigenen Tanks und einer eigenen Solaranlage auf Wasser- und Stromanschlüsse verzichten und auf Basis seiner durchdachten Statik ohne Bodenbefestigung aufgestellt werden kann, ist eine Platzierung überall möglich. Die vertikale und halbdurchlässige Struktur des Citytrees ermöglicht ein ideales Durchströmen und Filtern der verdreckten Luft.

Der Citytree besteht aus lebenden Pflanzen. Braucht man dafür eine gewisse Anzahl an Sonnentagen und wie sieht die Pflege aus?

Foto: Green City Solutions. Das Gründerteam von Green City SolutionsFoto: Green City Solutions. Das Gründerteam von Green City SolutionsMit dem Einsatz lebender Organismen verschreiben auch wir uns den Gesetzen der Natur. Das heißt, dass im Winter weder Gefäßpflanzen noch Moose wachsen. Aber mit einer gezielten Auswahl frostresistenter Arten und der optimalen Versorgung überwintern Pflanzen und Moose im Citytree und nehmen ihre Lebensfunktionen mit Beginn der Vegetationsperiode erneut auf. Wichtig dafür sind Temperatur- und Lichtverhältnisse. Aber auch an bedeckten Tagen wachsen Pflanzen: Sie benötigen hierzu eine ausreichende Tageslänge und eine Temperatur von über 5° Celsius.

Die Pflege ist auf Grund der stetigen elektronischen Überwachung und der gezielten Zuführung von Wasser und Nährstoffen auf ein Minimum reduziert. Sollte dennoch eine Pflanze kränkeln und absterben, kann durch das entwickelte Einzeltopfsystem der gesamte Topf inklusive Pflanze entnommen und ersetzt werden. Des Weiteren überprüft der Citytree selbstständig den Füllstand des Wassertanks und bedient sich der Regenwahrscheinlichkeiten der nächsten Tage um festzustellen, ob der Tank durch Regen oder manuelles Befüllen aufgetankt wird. Ist kein Regen vorhergesagt, sendet der Citytree ein entsprechendes Signal an den Wartungsdienst. 

Stichwort Feinstaub: Viele Pflanzen können Feinstaub nicht verarbeiten und gehen dadurch ein. Mit was sind Citytrees bepflanzt? Und jede Stadt hat eine eigene Charakteristik. Gibt es beispielsweise für Hamburg eine andere Bepflanzung als für Tokio?

Jetzt geht es in die Biologie. Pflanzen werden in zwei Gruppen getrennt: Moose und Gefäßpflanzen. Letztgenannte –beispielsweise Bäume, Sträucher und allerlei weitere Gartenpflanzen –  besitzen keine Möglichkeit, Feinstaub zu verarbeiten. Sie funktionieren wie Siebe, die im Wind stehen und auf ihren Blättern den Feinstaub nur ablagern. Dieser muss letztendlich abgewaschen werden, da sonst der lebenswichtige Gasaustausch gehemmt wird und die Pflanzenteile Schaden nehmen. Anders bei Moosen, die auf Partikel in der Luft angewiesen sind: Sie benötigen diese zur Ernährung. Das Moos nutzt sogar elektrische Aufladung, um den Feinstaub anzuziehen und zu verarbeiten. Über diesen komplexen Mechanismus ließe sich ein neues Interview führen, daher würde ich es erst einmal  bei dieser vereinfachten Erklärung belassen. Fakt ist, dass wir aus diesem Wissensstand heraus Moose und Gefäßpflanzen kombinieren, um Synergieeffekte zu nutzen. Die Gefäßpflanzen dienen der Ästhetik, dem Werbeeffekt und der Entschleunigung der Luft. Das hilft den Moosen bei der Aufnahme der Feinstaubpartikel.

Die Steuerungs- und Regelungstechnik ermöglicht die Kultivierung unterschiedlichster Pflanzen. An Gefäßpflanzen testeten wir bislang Stauden, Steingartengewächse, Gemüse, Kräuter, Nadelgehölze, Beet- und Balkonpflanzen.

Natürlich ist es notwendig, die finalen Standorte der Citytrees im Vorfeld exakt zu analysieren. Daher arbeiten wir an einem Kartierungsprogramm, das uns zeigt, wie und wo Citytrees aufgestellt werden müssen, um den Umwelteffekt zu maximieren. Aus diesen Ergebnissen wiederum können wir schließen, welche Pflanzen eingesetzt werden müssen und mit Hilfe unserer Pflanzendatenbank ermitteln wir die passende Bepflanzung.

In welchen Städten stehen jetzt schon Citytrees und wo sollen 2015 welche aufgestellt werden?

Citytree solutions Als Ausstellungs- und Forschungsobjekt haben wir einen Citytree in Dresden aufgestellt. Im Februar wird ein weiterer hinzukommen. Im zweiten Quartal 2015 wird in Reutlingen der erste verkaufte Citytree seinen Platz finden. Derzeit planen u.a. Berlin, London, München, Potsdam und Halle weitere Einsatzmöglichkeiten und die Nutzung mehrerer Anlagen, beispielsweise in dicht bebauten Straßenzügen. Zudem soll ein Citytree als mobile Variante durch deutsche Städte touren.

Wie teuer ist ein Citytree? Könnte sich ein mittelständisches Unternehmen wie ein größeres Gesundheitsstudio einen als „Werbeaufsteller“ überhaupt leisten?

Definitiv, innerhalb unserer Kundenansprache hat sich herausgestellt, dass der Citytree durchaus für die von Ihnen angesprochenen mittelständischen Unternehmen erschwinglich ist und deren Marketingbudgets keineswegs überstrapaziert. Da heute viele Firmen an einem nachhaltigen und grünen Image interessiert sind, dient der Citytree eben auch der Umsetzung und Ausstrahlung dieser Unternehmenswerte und ist damit ein authentisches Aushängeschild.  Je nach Aufstellungsort und Ausstattung liegt der Anschaffungspreis im unteren fünfstelligen Bereich. 

Gibt es bereits eine neue „grüne“ Idee in Planung?

Der Citytree dient uns als erster Baustein in einer Klimainfrastruktur, die aus unterschiedlichsten Produkten besteht. So werden Weiterentwicklungen und Abwandlungen des Citytrees eine höhere Umweltleistung aufweisen, andere Stoffe filtern, Nahrungsmittel oder Energie erzeugen. Zudem streben wir nach Kombinationen bereits vorhandener Infrastrukturen, sodass Fahrkarten- oder Parkscheinautomaten genauso wie Paketstationen in Produkte von Green City Solutions implementiert werden können. Eine kleinere Variante als Indoorlösung für Büro- und Aufenthaltsräume befindet sich derzeit in der Testphase.

Herr Sänger, danke für das Gespräch!

Das Interview führte Florian Simon Eiler