Ganz hinten im Badschränkchen entdeckt man eine angefangene Schachtel mit Schmerztabletten. Leider ist das Haltbarkeitsdatum längst überschritten. Was tun damit?

Medikamente im TrinkwasserGlaubt man einer Umfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) entsorgen 20 Prozent der Befragten ihre Medikamente über das Abwasser. Der angenehme Mülleimer „Kloschüssel“ für Pillen und Hustensäfte hat fatale Folgen. Arzneimittel sind oftmals nur langsam oder überhaupt nicht biologisch abbaubar, deshalb gelangen sie in Flüsse und Seen oder versickern sogar ins Grundwasser.
 In Hessen werden Oberflächengewässer regelmäßig nach Rückständen von Arzneimittelwirkstoffen untersucht. So werden beispielsweise in der Schwalm, im Main oder in der Nidda regelmäßig Reste der Schmerzmittel Diclofenac und Ibuprofen sowie des Antiepileptikums Carbamazepin und des Antibiotikums Sulfamethaxarol gefunden. Laut Bundesumweltamt lassen sich auch im Trinkwasser Arzneimittelrückstände nachweisen. Darunter Ibuprofen, Diclofenac und der Blutfettsenker Bezafibrat.
 
Tonnen von Medikamenten werden weggeworfen
Betrachtet man die neuesten Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK) erhält man eine erste Vorstellung davon, wie viel Arzneimittelmüll tagtäglich im gesamten Bundesgebiet anfallen kann. Alleine in Hessen werden nach Schätzungen der Kasse pro Tag sage und schreibe bis zu zehn Tonnen Tabletten, Salben oder Säfte weggeworfen. Allein 2013 wurden in den Schadstoffmobilen der Stadt Frankfurt 4,16 Tonnen Medikamente abgegeben. Dazu kommt noch der Anteil an Medizin, die täglich im Hausmüll entsorgt wird."Aus ökologischen Gründen spricht nichts dagegen, Medikamente im Restmüll zu entsorgen", sagt Alexandra Schätzle, Präventionsexpertin der TK. In Hessen wird der Restmüll verbrannt, sodass die Wirkstoffe nicht mehr in die Umwelt eindringen können. "Allerdings könnten kleine Kinder beim Spielen die bunten Pillen finden und fälschlicherweise für Bonbons halten", gibt Schätzle zu Bedenken.
Trinkwasser unser kostbarstes GutWelches Ausmaß inzwischen die Umweltbelastung mit Arzneimitteln erreicht hat, zeigt ein Forschungsprojekt, das vom Umweltbundesamt (UBA) in Auftrag gegeben wurde: Die ersten Ergebnisse der UBA-Studie sind besorgniserregend. In vielen Teilen der Erde lassen sich in Gewässern, Böden, Klärschlamm und Lebewesen Spuren von mehr als 630 verschiedenen Arzneimittelwirkstoffen sowie deren Abbauprodukte nachweisen.
17 Wirkstoffe kamen in allen Regionen der Welt vor. Die meisten Daten liegen bisher zum Schmerzmittel und Entzündungshemmer Diclofenac vor. Neben dem „Spitzenreiter“ Diclofenac zählen zu den weltweit meist verbreiteten Wirkstoffen auch das Antiepileptikum Carbamazepin, das Schmerzmittel Ibuprofen, das Pillen-Hormon Ethinylestradiol sowie das Antibiotikum Sulfamethoxazol.
 
In der EU sollen die Gewässer regelmäßig gemessen werden
Die EU-Mitgliedstaaten sehen darin jedoch wenig Grund zur Sorge. Erst kürzlich hat man sich darauf geeinigt, die Konzentration von Arzneimittelrückständen in europäischen Gewässern regelmäßig zu messen und mögliche Gegenmaßnahmen bei Überschreitung zu entwickeln.
Die Landeshauptstadt Berlin hat selbst reagiert und geht bei diesem Thema seit Jahren mutig mit gutem Beispiel voran. Die Berliner „Medi-Tonnen“ werden von der Bevölkerung sehr gut angenommen. Werden Medikamente nicht mehr gebraucht, wirft sie der Berliner in die gesicherte Tonne. Der Inhalt wird im Müllheizkraftwerk Ruhleben verbrannt.
 Was viele nicht wissen: Genauso einfach ist die Abgabe der nicht mehr benötigten Arzneimittel in der nächsten Apotheke. 
 
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