Waldkirch im Breisgau und Leutkirch im Allgäu als Modellgemeinden: Ein neues, an der Universität Freiburg koordiniertes Verbundprojekt will am Beispiel der baden-württembergischen Kreisstädte in den kommenden drei Jahren Möglichkeiten für die Integration von Ernährungssystemen in die nachhaltige kommunale Entwicklung erforschen und anstoßen. Dafür erhalten die Partner eine Förderung von circa 1,1 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. An dem Vorhaben beteiligen sich an der Universität Freiburg die Professur für Environmental Governance von Heiner Schanz, die Professur für Sustainability Governance von Michael Pregernig und die Professur für Forst- und Umweltpolitik von Daniela Kleinschmit.

Gemüse auf dem Wochenmarkt   Foto: Thomas KunzGemüse auf dem Wochenmarkt Foto: Thomas Kunz1,1 Millionen Euro für ein neues Projekt, das die Koordination von Ernährungssystemen in deutschen Städten erforschen will
Nachhaltigkeit spielt eine zentrale Rolle in den Leitbildern vieler deutscher Städte und Gemeinden. Konkrete Bemühungen konzentrieren sich bislang hauptsächlich auf Energie und Verkehr. Schätzungen zufolge verursacht die Ernährung jedoch etwa ein Drittel des ökologischen Fußabdrucks – mehr als die beiden anderen Bereiche zusammen. Für kleinere Städte, die in Deutschland die Lebensrealität von etwa 70 Prozent der Bevölkerung prägen, ist die Einbindung des Ernährungssystems in die Stadtentwicklung ein weitgehend unerschlossenes Thema.
Die Forscherinnen und Forscher wollen deshalb zunächst eine Bestandsaufnahme der kommunalen Ernährungssysteme und Lebensmittelflüsse in den beiden Modellstädten vornehmen. Anhand von Maßnahmen, die die Gemeinden unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger initiieren, sollen die Wirkungen von Ernährungssystem-Strategien verglichen und Lernprozesse zwischen Waldkirch und Leutkirch angestoßen werden. Beispiele hierfür, wie sie in anderen Kontexten erfolgreich angewendet wurden, können saisonale „Genuss-Festivals“, Patenschaften von Schulen mit lokalen Produzenten und Verarbeitern oder die Einrichtung kommunaler Ernährungsräte sein.

Nahrungsversorgung in Durschnittsstädten mit dem Raster der Nachhaltigkeit durchleuchten
„Ernährung ist ein Teil unseres alltäglichen Lebens. Gleichzeitig weist sie vielfältige Beziehungen zu anderen Themen auf, etwa Quartiersentwicklung, Gesundheit, Tourismus, Umwelt und Verkehr. Entsprechend groß scheint das kommunalpolitische Potenzial“, sagt Schanz, der das Projekt koordiniert. Die Umsetzung sei jedoch komplex, und die Frage, ob mit einer Maßnahme tatsächlich ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit geleistet werde, sei oft unsicher: Woher bezieht eine Stadt ihre Nahrungsmittel? Sind lokal produzierte Produkte automatisch nachhaltiger? Stehen die Ziele der ganzjährigen Versorgungssicherheit einerseits und der Nachhaltigkeit in global vernetzten Produktionsketten andererseits in Konkurrenz zueinander, oder können sie gleichzeitig erreicht werden? Diese und weitere Fragen möchte das Projekt in und mit den beiden Gemeinden ansprechen. „Die Vielfalt an interessierten Akteurinnen und Akteuren wird in den Kommunen zwangsläufig zu Abwägungsprozessen und letztendlich auch Kompromissen führen“, sagt Pregernig.

Ziel der Beteiligten ist es deshalb, die Eingebundenheit der lokalen Ernährungssysteme in die größeren Zusammenhänge der Lebensmittelmärkte zu analysieren und  so die möglichen Ansatzpunkte für kommunalpolitisches Handeln zu identifizieren.
Neben den beiden Städten beteiligen sich die Universität Kassel, die Zeppelin Universität Friedrichshafen, das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau in Frick/Schweiz und das Forschungs- und Beratungsnetzwerk „NAHhaft – zukunftsfähige Ernährungsstrategien in Städten“ in Berlin an dem Vorhaben.

Text: Rudolf-Werner Dreier Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau , Bilder:pixabay

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