Wer Wochenmärkte mag, sollte mal eine Food Assembly besuchen oder gleich selbst organisieren. Bei dieser neuen Vermarktungsform treffen sich Erzeugerinnen und Erzeuger mit ihrer Kundschaft in kleiner Runde. Neben frischen regionalen Bioprodukten gibt es Zeit für Fragen und Gespräche rund um den Ökolandbau.

Konzept Selfmade-Markt
Keine Zeit, zu weite Wege zum Wochenmarkt oder die gewünschte Kartoffelsorte nicht gefunden? Mit den Food Assemblies lösen sich solche Probleme in Luft auf. Dahinter steckt die Idee eines Netzwerks, das nachhaltige Einkaufs- und Esskultur fördern soll. "Assembly" meint im Deutschen "Versammlung" oder "Zusammenfügen". Und tatsächlich bringt das soziale Start-up seit 2014 Verbraucherinnen und Verbraucher mit Erzeugerinnen und Erzeugern hierzulande auf eine innovative Art zusammen.

Buntes Markttreiben bei der Food Assembly Schönherrfabrik Chemnitz zum Erntedankfest 2015. Foto: Food AssemblyBuntes Markttreiben bei der Food Assembly Schönherrfabrik Chemnitz zum Erntedankfest 2015. Foto: Food AssemblyGastgeberin oder Gastgeber gesucht
Nach folgendem Grundprinzip funktioniert die Direktvermarktung: Wie bei einer Tupperparty stellt eine Gastgeberin oder ein Gastgeber zunächst einen Raum zur Verfügung, in dem der Wochenmarkt stattfindet. Dies kann ein Privatraum sein – oder aber ein öffentlicher Raum wie die Assembly in der Volkshochschule von Frankfurt (Oder).
Anschließend sucht der Gastgebende interessierte Lebensmittelbetriebe aus der Region. Diese müssen sich von der in Berlin ansässigen Food Assembly-Zentrale überprüfen lassen. Sind die Produktionsprozesse transparent? Werden die Kriterien zu Nachhaltigkeit und artgerechter Haltung eingehalten? Nun kann der Gastgebende seine Assembly online registrieren und die Öffnungszeiten seines Marktes festlegen.

Online bestellen, selbst abholen
Jetzt sind die Käuferinnen und Käufer am Zuge. Per Internet bestellen und bezahlen sie die Ware, die sie dann am Abholtag in der Assembly mitnehmen. Extrakosten entstehen für sie nicht. Freilich betreibt das Netzwerk die Assemblies nicht gratis: 16,7 Prozent des Umsatzes geben die Bäuerinnen und Bauern sowie Lebensmittel-Handwerkerinnen und -Handwerker weiter. Die eine Hälfte davon behalten die ehrenamtlichen Gastgebenden, die andere geht an das Unternehmen Food Assembly.

Mittlerweile verkaufen schon rund 200 Anbieterinnen und Anbieter ihre Ware in Food Assemblies. Darunter befinden sich viele kleinere Verarbeiterinnen oder Verarbeiter, die sich durch Nischenprodukte vom Lebensmittelmarkt abheben. Dazu gehören die Berliner Tofutussis, die Schafscheune Hofkäserei Vietschow aus Mecklenburg und die erzgebirgische Firma Pfefferminzl mit Kräutertees.

Grüne Produktpalette
"Aktuell haben wir circa 30 Prozent aktive biologisch zertifizierte Betriebe in unserem Netzwerk, weitere befinden sich in der Umstellung. Die Zertifizierungen reichen  vom EU-Biosiegel über Demeter, Bioland, Gäa e.V. und Ökologischer Landbau e.V.", berichtet Marla Kayacik vom deutschen Team. Das Produzenten-Netzwerk soll weiter ausgebaut werden, auch durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit bei Bioverbänden. Mit Food Assembly erhalten jedoch auch kleine handwerkliche Betriebe, die aus verschiedenen Gründen keine Zertifizierung haben und trotzdem verantwortungs- und umweltbewusst arbeiten, eine Plattform. Über die Homepage und den direkten Kontakt in der jeweiligen Assembly wird Transparenz geschaffen. Wer ausschließlich Bioprodukte sucht, dem empfiehlt Kayacik, den Produktkatalog einer Food Assembly nach "Bio" zu filtern. Dann werden nur Produkte von zertifizierten Betrieben aufgeführt.

Assembly-Gastgeberin Yvonne (vorne links) erklärt einer Kundin in Kleinmachnow, wie die Wochenmärkte funktionieren. Foto: Food AssemblyAssembly-Gastgeberin Yvonne (vorne links) erklärt einer Kundin in Kleinmachnow, wie die Wochenmärkte funktionieren. Foto: Food AssemblyVom Konzept überzeugt
Die im Netzwerk registrierten Landwirtinnen und Landwirte betreiben in der Regel eigene Hofläden und erschließen sich mit der Lieferung an eine Assembly neue Kundenkreise. So auch die Geschwister Brinkmann vom Biohof Brinkmann im westfälischen Lage. Seit einem Jahr beliefern sie die Gütersloher Assembly Meierhof Kattenstroth mit ihren Produkten. Im Juni ging eine weitere Gütersloher Assembly an den Start, bei der die Brinkmanns ebenfalls verkaufen.

Der Assembly-Gedanke gefällt den Brinkmanns so gut, dass sie in ihrem Heimatort im April eine eigene Food Assembly eröffnet haben. "Dieser Vermarktungsansatz ist von der Sache her genial. Er funktioniert jedoch nur gut, wenn das Netzwerk zum Selbstläufer wird. Dann ist die Auswahl der Waren groß und attraktiv für die Kundschaft – und für uns Produzenten stimmt der Umsatz", meint Assembly-Gastgeberin Wiebke Brinkmann-Roitsch.

Saisonal und regional
Die Vorteile dieser jungen Form der Direktvermarktung liegen auf der Hand: Das Angebot ist regional, saisonal, gentechnikfrei und ökologisch, das Konzept nachhaltig. Spanische Paprika und Zucchinis im Winter – all das gibt es nicht zu kaufen. Da nur das geliefert wird, was bestellt ist, bleibt keine Ware übrig. Somit können keine Lebensmittel verderben, Transportkosten bleiben überschaubar. Und die Anbieterinnen und Anbieter sind bei der Verteilung der Lebensmittel persönlich anwesend. "Produktversprechungen auf der Packung sind für mich bloß Werbung. Ich will einem Erzeuger in die Augen sehen können", sagt Anke Kleymann, die aus diesem Grund Stammkundin in der Food Assembly von Brinkmann-Roitsch ist.

Boom in Frankreich
In unserem französischen Nachbarland ist es seit jeher angesagt, beim Hof um die Ecke einzukaufen. Daher ist Frankreich das Geburtsland des Netzwerks, das dort 2010 unter dem Namen "La Ruche Qui Dit Oui!" gegründet wurde. Übersetzt bedeutet dies "Der Bienenstock sagt ja". Durch eine innovative Internet-Plattform, kombiniert mit einem wöchentlichen Bauernmarkt, sollten bäuerliche Familienbetriebe mit Endverbraucherinnen und Endverbrauchern in direkten Kontakt kommen. Ein Jahr darauf ging im Toulouse die weltweit erste Asssembly an den Start.

Dies sollte der Beginn einer regelrechten Massenbewegung werden – bis jetzt sind in Frankreich über 700 Ruches (Assemblies) aktiv. Damit sind die Franzosen mit großem Abstand Spitzenreiter. Zum Vergleich: Großbritannien und Belgien liegen mit je rund 60 aktiven sowie im Aufbau befindlichen Assemblies gleichauf, gefolgt von Italien (49).

Ballungszentrum Berlin
"Bundesweit sind derzeit in fünf Bundesländern insgesamt 41 Food Assemblies in Betrieb oder in Planung. Die Zahl der in Deutschland registrierten Kunden beläuft sich auf rund 16.000. Mit 18 aktiven Assembly-Märkten hat sich der Berliner Großraum zu einem regelrechten Ballungszentrum entwickelt", erläutert Marla Kayacik.

Sie lädt alle Interessierte dazu ein, dem Netzwerk beizutreten und in einer benachbarten Food Assembly einzukaufen. Oder aber einen solchen Selfmade-Markt selbst zu eröffnen und möglichst zertifizierte Biobetriebe ins Boot zu holen. Auf der Homepage von Food Assembly Deutschland findet sich eine ausführliche Anleitung zur Teilnahme. Hier kann man auch per E-Mail die Gastgeberinnen und Gastgeber kontaktieren und ihnen Fragen stellen.

Weblinks Food Assembly Deutschland

Text: ökolandbau.de,  Einleitungs- und Beitragsbild und unten links: pixabay

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