Wirtschaftswachstum ist die gängige Maßeinheit für jede erfolgreiche Industrienation. Das beständige Streben nach mehr Wachstum bestimmt hierzulande unser Arbeitsleben. Mehr Umsatz, mehr Kunden, mehr Produkte. Effizienter, schneller, kostensparender. Nur so, so wird uns zumindest vorgegaukelt, können wir unseren Wohlstand erhalten und vielleicht sogar noch mehr „besitzen“. Jahrzehntelang wurde im Schatten dieser Formel „in die Hände gespuckt“. Doch immer häufiger wird dieses Gebaren hinterfragt: Ist das Streben nach kontinuierlichem Wachstum in einer begrenzten Welt, die unter Vermüllung und Ausbeutung ächzt, überhaupt noch legitim? Antworten suchen nicht nur große Akteure auf der Weltbühne, sondern auch Menschen, die einfach nur bewusster leben wollen. Konkretes Beispiel: Die Veranstaltung „Anders wachsen – Alternativen für das Oberland“ in der Kreisstadt Miesbach, südlich von München.

anders wachsenAndere Wirtschaftsmodelle funktionieren
Sie zeigt konkret, dass das Thema bereits Menschen intensiv zum Handeln angeregt hat. Sie sind beispielsweise in Solidargemeinschaften, in neuen Wirtschaftsmodellen und Repair – Cafés engagiert. Der Andrang um die Stände im Waitzingerkeller ist groß und zahlreiche Messebesucher sind fasziniert davon, dass man Arbeitskraft auch tauschen kann: „Biete Computerhilfe gegen Blumengießen“, so der Slogan von Tauschzeit Holzkirchen. Eine „Win-win-Situation“. Einfach und effektiv.

Dass es bereits andere Wirtschaftssysteme gibt als unser jetziges, davon berichtet Nina Treu in einem der vielen Vorträge. Sie ist Mitbegründerin des Konzeptwerks Neue Ökonomie und war Programmkoordinatorin der 4. Internationalen Degrowth-Konferenz*, 2014 in Leipzig. „Die Idee einer anderen Wirtschaftsform ist keine Utopie, sie funktioniert schon.“ Der richtige Weg dafür laufe unter anderem über Umverteilung, Energieeffizenz, Suffizienz und einer regionalen Förderung. Als Negativbeispiel erwähnt die studierte Politikwissenschaftlerin die EU und ihre hoch subventionierte Fischereiflotte: „Sie fischen vor der Afrikanischen Küste mit ihren hochmodernen Schiffen alles leer und der Fischer vor Ort kann nichts mehr fangen.“ Auch ein Grund dafür, dass immer mehr Menschen ihr Zuhause verlassen und nach Europa aufbrechen würden.

Upcycling Kunst setzt visuelle Zeichen

Upgrade_Kaffeekapsel zu unzähligen Sternen verarbeitetUpgrade_Kaffeekapsel zu unzähligen Sternen verarbeitet Titel: "Sonnenenergie" Bild unten rechts: "Zerreißprobe" Teppich, der in die Schneefräse kamEntspannung von dieser Wirtschaftstheorie und ihren praktischen Ansätzen bietet für die Messebesucher eine gleichzeitig stattfindende Upcycling-Ausstellung.
Die Künstlerin Tutti Gogolin aus Bayrischzell hat aus benutzten Kaffeekapseln Blumen gestaltet und sie auf einer Bildfläche angebracht. Nicht Recycling, sondern Upcycling, also den Dingen mehr Wert geben, ist das Credo der Kunstobjekte. „Comedia dell arte“ lautet der Titel von Klaus Gogolins Werk. Der Ehemann von Tutti hat ein Stück Metall bunt bemalt und einen Teppich, „der in die Schneefräse kam“, in ein Bild eingearbeitet.
„Dinge, die wir nicht mehr sehen“, umschreibt Lisa Mayerhofer ihr Material. Getreidesamen, Heftklammern und alte Holzplanken, die die Künstlerin in den Bergen findet, werden in Collagen oder Plastiken „verwandelt“. Ebenfalls ein „Sammler und Künstler“ ist Jürgen Thamm. Er findet in den Weissach-Auen Müll und Naturmaterialien, wie zum Beispiel Wurzeln oder gewaschenes Holz. Aus diesen Werkstoffen entstehen Plastiken wie „die Liebenden“ oder „der Gekreuzigte“.

Kunstwerke wie die Diskussion unter den anwesenden Experten zeigen unisono, dass dasTeppich der in die Schneefräse kam jetzige System auf Profit und reines Wachstum ausgerichtet ist. Die Folge: der Mensch und die Natur werden ausgebeutet. Die Beschleunigung und die globale Ungerechtigkeit nehmen ständig zu.

Jedes Kind weiß, dass man nicht endloses wachsen kann. Was ist, wenn der Punkt erreicht ist, an dem kein „schneller, weiter, höher“ mehr funktioniert? Die Veranstaltung zeigt: Während große Konzerne unsere Politiker und deren Entscheidungen in Richtung Profitmaximierung diktieren, finden Bürger nachhaltige Antworten.

Unter dem Begriff “Degrowth” (Anm. d. Red. „Postwachstum”, „Wachstumswende” oder “Entwachstum”)

Florian Simon Eiler

Einleitungs- und Beitragsbild   pixabay, sonstige Bilder   ichtragenatur.de

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