Es dauert nicht mehr lange und landauf landab wird wieder in die Gummistiefel geschlüpft und kräftig in die Hände gespuckt. Bewaffnet mit einem Eimer voller Setzlinge und allerlei Gartengerät versuchen viele Bürger, dem Boden allerlei Grünzeug zu entlocken. Die Zeiten, in denen nur dem Bauer oder dem Gärtner der „grünen Daumen“ attestiert wurde, sind vorbei.
Der Trend, von selbst gezüchtetem Gemüse oder auch Blumen, ist ungebrochen und muss als Baustein eines neuen Lebensgefühls, nämlich „nachhaltig leben“,  verstanden werden.

Jede Parzelle wir mit einem Namensschild versehen. Schnecken haben keine Zutritt. Diese ignorien manchmal das VerbotJede Parzelle wir mit einem Namensschild versehen. Schnecken haben keinen Zutritt. Diese ignorieren manchmal das VerbotMitte April, wenn es vom Wetter passt, wird es spannend. Dann bekommt jeder Gartenfreund einen 100 Meter langer Bifang (altdt. Ackerbeet, Anm. d. Red.) oder Kartoffeldamm zugewiesen. „Das Einschlagen der Hölzer, auf dem die jeweiligen Namen stehen, ist fast schon ein wenig feierlich“, erzählt Adriane Schua. Sie ist erste Vorsitzende und Pressesprecherin der Solidargemeinschaft Oberland e.V. Rund um die Landeshauptstadt München gibt es das Netzwerk UNSER LAND von zehn Gemeinschaften und fast alle bieten auf sogenannten „Sonnenäckern“ Parzellen zum Verpachten an. Schua und ihr Team besuchen im Vorfeld die Landwirte und stellen ihr Projekt vor. „Inzwischen ist es so, dass die Bauern auf uns zukommen. Kommt es zu einer Zusammenarbeit, verpachten die Bauern Ackerfläche an uns und wir verpachten an Interessenten weiter.“

Erfolgsmodell "essbare Stadt"
Anders in vielen deutschen Städten. Dort stellt die Stadtverwaltung öffentliche Flächen kostenlos zur Verfügung. Unter der Anleitung von Gärtnern und Stadtplanern bauen Bürger Gemüse an. Die Idee der „essbaren Stadt“ hat ihren Ursprung in Andernach. Die Stadt am Rhein hat 2010 wahre Begeisterungsstürme im In- und Ausland erfahren. Inzwischen tragen die „grüne“ Bezeichnung Städte wie Mainz, Heidelberg, Regensburg, Wiener-Neustadt, Linz, Graz, Luzern und im Norden Englands, Todmorden.
Das Konzept, dass jeder Einwohner pflanzen und auch ernten darf, fast schon „ernten muss“, hat funktioniert und neben der sinnvollen Begrünung des urbanen Raums noch zwei weitere Punkte erfüllt: einerseits die Verbesserung des sozialen Miteinanders innerhalb der Stadtgrenzen, andererseits wurde der Nachhaltigkeitsgedanke auf eindrucksvolle Weise belebt.

Wohnraum wird in den Städten immer knapper und kostspieliger. Ein eigener Garten ist für viele Menschen nicht mehr erschwinglich. Eine freie, erdige Fläche, in der man sein eigenes Gemüse anbauen kann, ist deshalb sehr willkommen.

Ernte des eigenen SalatesErnte des eigenen SalatesAus eben diesem Grund nutzen auch viele Menschen um den „Speckgürtel München“ gerne das Angebot von UNSER LAND. Adriane Schua: „Wohnraum wird immer teurer. Bei uns zahlen die Leute 50 Euro von Mitte April bis Herbst.“ Als Hobbygärtner würden sich junge Leute, die noch keine Kinder haben, Senioren, und natürlich Familien betätigen. Bevor jedoch die neuen „Sonnenäckerer“ loslegen können, müssen sie mit dem Verein eine Nutzungsvereinbarung unterschreiben. Darin ist unter anderem geregelt, dass die Bewirtschaftung der Äcker nach den Grundsätzen der ordnungsgemäßen Landwirtschaft ausgeführt werden muss. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Fläche (sowohl der Bifang als auch der Weg dazu) von Unkraut (Disteln, Ampfer etc.) durch Hacken frei gehalten wird. Die Verwendung von mineralischen Düngern und chemischen Pflanzenschutzmitteln ist untersagt.

Reichliche ErnteReichlich Ernte sorgt für große FreudeSind die Punkte alle geklärt, dann steht der Ernte von Blumen, Kürbis, Brokkoli, Erbsen, Artischocken und vielem mehr nichts mehr im Wege. Pflanzenprofi Schua weiß, dass die Anpflanzung von Tomaten nicht so leicht ist. Die würden lieber eine warme Hauswand bevorzugen. Ein guter Pflanztipp für alle Ackerbesitzer: „Kartoffeln und Zwiebeln, da hat man das ganze Jahr etwas davon.“

Selbst pflanzen - ein Bewusstseinsprojekt
In diesem Jahr feiert die Solidargemeinschaft ein kleines Jubiläum: Seit zehn Jahren bietet sie Äcker zur Selbstbepflanzung an. „Die Entwicklung geht in eine schöne Richtung“, sagt die erste Vorsitzende stolz. „Trotzdem erstaunt mich immer wieder, dass viele Leute unser Projekt überhaupt nicht kennen. Wir müssen viel Aufklärungsarbeit betreiben.“
Eine Arbeit, die sich sicherlich lohnt. Gerade bei Kindern sei es immer wieder toll mit anzusehen, wie diese reagieren, wenn sie fasziniert erkennen, dass aus einem Samen, der in die Erde gesteckt wird, etwas Grünes wächst. Schua: „Es ist auch ein Bewusstseinsprojekt. Viele merken, dass Erdbeeren nicht das ganze Jahr wachsen.“ Auch die Einstellung zum Wetter ändere sich: „Während andere Menschen jammern, wenn aus den Wolken Tropfen fallen, freuen sich unsere Pächter über Regen.“

Florian Simon Eiler

Mehr Infos über Sonnenäcker gibt es hier.
Fotos: Solidargemeinschaft Unser Land e.V.  Beitragsbild und Bild unten pixabay

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