Ganz Österreich benutzt den Euro. Ganz Österreich? Nein, ein kleines Dorf in Vorarlberg leistet erbitterten Widerstand gegen die Währung der europäischen Gemeinschaft und hat ihr eigenes Geld erfunden. Der Ort heißt Langenegg, hat 1.100 Einwohner und liegt etwa zehn Kilometer westlich vom Bodensee.
2010 beschlossen die Gemeindevertreter im Rathaus einstimmig ein aufsehenerregendes Projekt. Eine teilweise finanzielle Unabhängigkeit mit einer eigenen Währung. Wenig später stapelten sich die ersten Bögen mit dem Langenegger Papiergeld in der ortsansässigen Raiffeisenbank.
Immer mehr Gemeinden machen ihre eigene WährungIn Langenegg gibt es "Talente"-Scheine
Talente nennt man die Rebellen-Währung
Die „Talente“-Scheine, so heißt die „Rebellen-Währung“, bedruckt mit Motiven aus dem Dorf, wechseln seitdem rege den Geldbeutel der Einheimischen. Cola und Chips beim Lebensmittelladen – bezahlt wird mit „Talenten“. In der Käserei, im Café, beim Schreiner, in der Kfz-Werkstatt, überall ist das bunte, finanzkräftige Papier gerne gesehen. Selbst für Strähnenmachen beim Friseur bezahlt der Langenegger mit „seinem“ Geld.
 
Im Geldinstitut werden monatlich jeweils 25 bis 300 Euro von Kundenkonten in das Regionalgeld umgetauscht. Auf über 10.000 Euro ist die monatliche Umtauschsumme inzwischen angewachsen. „Die Leute sollen nachdenken, wo sie ihre Euros hinrollen lassen", so Bürgermeister Georg Moosbrugger in einem Interview mit der Taz. Es gehe bei den „Talenten“ vor allem um Bewusstseinsarbeit. Übrigens, alle Währungstauscher erhalten bei jedem Einkauf einen fünfprozentigen Rabatt, den die Gemeinde aus ihrem Steuersäckel finanziert. Langenegg hat sich still und heimlich zur nachhaltigen Region mit Vorbildfunktion entwickelt. Die Kaufkraft wird im Ort gebündelt. Beispiel: Bevor Hausfrau M. ins Lebensmittelgeschäft geht, holt sie sich ihre Talent-Scheine am Bank-Schalter. Am Ende des Abends bringt der Lebensmittelhändler die Tageseinnahmen auf die Bank. Ein Geben und Nehmen. Hausfrau M., das Geschäft und die Bank. Klingt ganz einfach. Ist es auch.
 
Regionalität wird gefördert
Ganze Busladungen mit Politikern kommen in die Gemeinde und wollen lernen. Entscheidend ist das Wollen jedes einzelnen Bürgers ohne parteipolitische Interessen. In Langenegg gibt es keinen Fraktionszwang. Jeder profitiert hier vom Anderen. Im Gemeindesupermarkt "Adeg" arbeiten neun Leute, davon drei Azubis. Die Leute kaufen im Ort und fahren nicht weiter in benachbarte Gemeinden. Die Bank hat drei Mitarbeiter. Nach Schätzungen des Bürgermeisters hat der regionale Wirtschaftskreislauf in den vergangenen Jahren 150 Jobs geschaffen.
Nachhaltigkeit ist den Gemeindeverantwortlichen wichtig. Sie machen öffentliche Verkehrsmittel mit Rabatten attraktiver. Natürlich lassen jetzt mehr Bürger ihr Auto zu Hause stehen. Ergebnis: Weniger Verkehr innerorts.
Bei Architekturentscheidungen fließen nicht nur die ästhetischen Gesichtspunkte in eine Bewertung ein sondern auch eine energiesparende Passivbauweise sowie die Verwendung von Rohstoffen, allen voran Holz, aus der Umgebung.
Dass man sich in Vorarlberg inzwischen „Talente“ dazuverdient, ist normal. Eine Stunde Babysitten oder Rasenmähen sind 100 Talente, was etwa 8,70 Euro entspricht und auch in entsprechende Waren und Dienstleistungen getauscht werden kann.
130 Betriebe und 600 Familien machen inzwischen mit. Nutzen die Regio-Währung. Tendenz weiter steigend. Auch aus dem Umland wollen viele das neue Geld.
Langenegg ist mutig vorausgegangen.
 

Bilder: pixabay,   big merci

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