Beim Recherchieren sind wir im Netz auf einen Kommentar von foodwatch e.V. gestoßen. Wir finden die Zeilen extrem wichtig und richtig. Hoffentlich werden sie oft gelesen.

Nach Rücksprache mit dem Verein dürfen wir den kompletten Text hier veröffentlichen. Danke dafür.

TTIP Demo in München

Jetzt müssen wir uns mal was von der Seele reden. Auch, wenn das ein paar Zeilen braucht. Gerichtet sind sie auch an den einen oder anderen Medienvertreter. Am vergangenen Samstag sind in Berlin 150.000 (Polizeiangaben) bis 250.000 (Angaben des Demobündnisses, an dem foodwatch beteiligt ist) gegen ‪#‎TTIP und ‪#‎CETA auf die Straße gegangen. Egal, welche Zahl man nimmt: ES WAR GRÖSSTE POLITISCHE DEMONSTRATION SEIT JAHREN – ein beispielloses Signal mit Blick auf die geplanten Freihandelsabkommen!

Offenbar gefällt sieses Signal nicht allen. Aber wir müssen uns auch nicht alles gefallen lassen!

In manchen Medien wurde das Ereignis klein geredet. 45.000 Teilnehmer laut Polizei, hieß es bei stern.de (alle Quellen siehe unten) – zu einem Zeitpunkt, als diese längst von 150.000 Demonstrierenden sprach. So wirkte es, als hätten die Veranstalter maßlos übertrieben. Der Text wurde nicht mehr aktualisiert und steht bis heute so im Netz.
An anderer Stelle wurde die Demonstration quasi als Versammlung von Neonazis verunglimpft. So hieß es allen Ernstes bei Spiegel Online: „…bei den TTIP-Protesten sind die Rechten nicht Mitläufer, sondern heimliche Anführer. Die Geisteshaltung vieler Anti-TTIP-Aktivisten ist im Kern eine dumpf nationalistische. (…) Die Kampagne gegen den Freihandel ist wie auf dem braunen Mist gewachsen.“

Richtig ist: Wenn zigtausende Menschen auf die Straße gehen, sind auch ein paar Spinner dabei. Und in einem freien Land können wir es auch nicht verbieten, dass auch Pegida, AfD oder andere sich an den TTIP-Protest dranhängen und zur Demo aufrufen. Mit der all überwiegenden Masse der Demonstrierenden hat das alles nichts zu tun. Träger des Demo-Bündnisses sind neben foodwatch u.a. DGB Bundesvorstand, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Campact, Mehr Demokratie e.V., Der Paritätische Wohlfahrtsverband - Gesamtverband e.V., Greenpeace Deutschland, Oxfam, Deutscher Kulturrat und, und, und – anerkannte Organisationen, die mit dem „braunen Mist“ so viel zu tun haben wie der Spiegel-Online-Text mit seriösem Journalismus.

Schon auf der Startseite des Demo-Bündnisses macht der Trägerkreis klar: „Wir treten ein für eine solidarische Welt, in der Vielfalt eine Stärke ist. Auf unserer Demonstration gibt es keinen Platz für Rassismus und Rechtspopulismus.“ Pegida usw. sind selbstverständlich NICHT Mitglied des Demo-Bündnisses. foodwatch-Gründer Thilo Bode hat bei seiner Demo-Rede darüber hinaus eigens betont, dass sich unser Protest auch nicht gegen die USA richtet – sondern gegen die Folgen der Abkommen für die Demokratien auf beiden Seiten des Atlantiks.

Zu behaupten, dass Rechte die „heimlichen Anführer“ der Protestbewegung seien, ist absurd. Uns ist es unbegreiflich, warum Spiegel Online es zulässt, dass der Autor eine solche Behauptung – selbstverständlich ohne auch nur den Versuch einer Beweisführung – verbreiten darf.
Als etwas „Pegidahaftes“, als „Loveparade der Wutbürgerchen“ beschreibt auch ein WDR5-Reporter die Demo – und erweckt den Eindruck, als sei all der Protest gegen TTIP unbegründet, als gäbe es keine seriösen Argumente gegen das Abkommen, die nicht längst widerlegt seien. „Schade, dass sich viele nicht die Zeit nehmen, um sich ernsthaft mit TTIP auseinandersetzen“, so der „Reporter“.
Ja: Schade, dass er diesen Maßstab nicht für sich selbst gelten lässt. Der Beitrag jedenfalls zeugt nicht von übermäßig viel TTIP-Expertise. „Die Vertragstexte stehen mittlerweile im Netz“, behauptet der Autor zum Beispiel. Nein, das tun sie nicht – es gibt sie ja noch nicht einmal, deshalb wird noch verhandelt. Es ist wohlfeil, auf diesem Niveau den bis zu 250.000 Protestierenden zu unterstellen, sie hätten keine Ahnung.

Noch einmal: Ja, unter so vielen Menschen gibt es auch solche, die Unsinn reden. Die nicht verstehen, wogegen sie gerade protestieren.

ABER DAS MACHT NICHT DEN GANZEN PROTEST ILLEGITIM!

Es sind die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die durch Leaks und bohrende Nachfragen vieles aus den Verhandlungen erst ans Licht gebracht haben. Die die Öffentlichkeit aufklären mit zahlreichen Gutachten und Analysen namhafter Experten. Die viele Lügen der TTIP-Befürworter als solche entlarvt haben. Nur zur Erinnerung: Es waren die TTIP-Befürworter vom BDI, von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, vom Verband der Automobilindustrie und aus der Politik, die ihre falschen Versprechen darüber, was uns TTIP angeblich bringen könnte, korrigieren mussten. Und es sind die TTIP-Befürworter, die gerade sehr wenig Argumente haben zu erklären, wofür wir dieses Abkommen eigentlich brauchen.

Ja, dass sich so viele Menschen dem Protest anschließen, und zwar aus guten Gründen, das stört gerade viele. Gut so.

Eines ist sicher: Wir hören nicht auf, weil ihr uns verunglimpft. WIR MACHEN WEITER!

Wir haben gerade erst angefangen.

Alle Quellen für die im Text genannten Zitate:
- stern.de: http://www.stern.de/…/zehntausende-protestieren-gegen-ttip-…
- SPON: http://www.spiegel.de/…/ttip-bei-der-demo-marschieren-recht…
- Demo-Bündnis: http://ttip-demo.de/home/
- WDR5: http://www.wdr5.de/…/pol…/ttip-demonstration-berlin-100.html

Text: foodwatch e.v., Bild pixabay, Flagge und Demo ichtragenatur.de

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