Möhren mit mehreren Wurzeln,Gurken, die sich wie eine Sichel biegen oder Äpfel mit kleinen Flecken. Obst und Gemüse - so wie es viele Verbraucher heutzutage noch nie gesehen haben, jedoch von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration wie selbstverständlich verzehrt wurde.
Mit dem Wachsen des Wohlstands in Europa wurden von den Supermarkt-betreibern nur noch Farbiges und Formschönes aus dem Garten in die Regale gefüllt. Endgültig den Garaus beispielsweise für krumme Gurken brachte eine rigorose Verordnungswelle aus Brüssel in den 80er Jahren.
Jahrzehntelang akzeptierte der uninteressierte Supermarktbesucher einen ethisch äußert zweifelhaften Güterkreislauf: Von zehn Salatköpfen blieben beim Ernten gleich drei auf dem Feld liegen, weil sie die geforderte Schönheitsgröße nicht besaßen oder unförmige Birnen wurden beim Großhändler gleich auf den Müll geworfen. Engagierten Journalisten, Filmemachern und auch dem einen oder anderen Prominenten ist es zu verdanken, dass das Thema Nahrungsmüll in den vergangenen Jahren medial aufbereitet wurde.
 

Germany´s Next Top Apple ist nicht besser, nur weil er schöner ist
In den Köpfen der Verbraucher setzt langsam ein Umdenken ein. Das „nicht den Schönheitsidealen“ entsprechende Nahrungsmittel ist nicht schlechter, nur weil es nicht Germany´s Next Top Apple oder Miss Karotte ist.

Unrühmliches GemüseInglorious Fruit Foto: IntermarchéIm digitalen Zeitalter verabreden sich Menschen über das Internet und bergen auf dem Feld zurückgelassene Krautköpfe. Ein Bauer verschenkt mit viel Erfolg Zwetschgen, die er aufgrund der kleinen Größe nicht verkaufen konnte. Und wie verhalten sich hierzulande die namhaften Güterverteiler - die Großen im Supermarktgeschäft?
Man hat den Eindruck, sie haben Angst. Angst, dass ihnen ihr lieb-gewonnener Kunde, der immer zu dem glatten, wunderschön roten Apfel gegriffen hat, plötzlich abhandenkommt, weil neben dem perfekten, plötzlich eine komisch gewachsene Orange liegt.           
Das Gegenteil beweist die Supermarktkette Intermarché in Frankreich. Die zweitgrößte Einzelhandelskette des Landes hat eine Aktion gestartet, die sich genau jenen Orangen, Kartoffeln oder auch Zitronen widmet, die von Natur aus eher unförmig geraten sind.
Wunderschöne, stylische Werbetafeln mit dem „grotesken Apfel“ oder der „unförmigen Aubergine“ machen aufmerksam und laden ein, die „Schönen“ mal liegen zu lassen und etwas Unperfektes in den Einkaufswagen zu legen. Zusätzlich gibt es davon weiterverarbeitete Produkte wie Suppen und Säfte. Das Portemonnaie der französischen Hausfrau freut sich – die „unrühmlichen“ Gaumenfreuden kosten 30 Prozent weniger als die gewohnt aufgemotzte Konkurrenz.
 
Millionen Klicks für die Unrühmlichen
In Deutschland hat EDEKA schon Ende 2013 verschiedene Produkte, die von der Norm abweichen, testweise in der Obst- und Gemüseabteilung einiger Märkte angeboten. Auch hier waren die Artikel günstiger als die "normale" Ware. Bloß hat es hierzulande kaum für Aufsehen gesorgt. Beziehungsweise viele Konsumenten haben es überhaupt nicht mitbekommen.
Gemüse nicht den Normen entsprechendInglorious Fruit Foto: Intermarché Bei Intermarché schon. Zielgerichtet haben die Verantwortlichen der Aktion in den sozialen Netzwerken geworben. Ein Werbespot wurde nicht nur in Französisch, sondern auch in Englisch gedreht. Über 4,4 Millionen haben sich seit Juni dieses Jahres das Video auf YOUTUBE angesehen.

Die Supermarktkette selbst spricht von einem Erfolg. 1,2 Tonnen seien in ihren Geschäften in den ersten Tagen verkauft worden. Man habe vor allem ein Problem gehabt: Dass dieses unperfekte Obst und Gemüse ausgegangen sei
„Überwiegend positiv“ bewertet EDEKA-Pressereferentin Kerstin Hastedt die Testphase mit dem Abverkauf der Produkte: „Wir können uns vorstellen, solche Aktionen, in Abhängigkeit zur jeweiligen Erntesituation, auch in Zukunft saisonal und regional erneut durchzuführen.“ Es habe sich gezeigt, dass das Angebot sogenannter "nicht perfekter Ware" seitens der Erzeuger geringer sei als erwartet. Für diese Ware gebe es bereits heute gut funktionierende Vermarktungswege: „So landet das Obst und Gemüse vielfach in verarbeiteter Form in den Supermarktregalen“, weiß Hastedt.
 
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