Elektrofahrräder – ein noch junges Fortbewegungsmittel erobert die deutschen Straßen. Aber nicht nur hierzulande sind die flotten „Drahtesel“ immer beliebter. Auch unsere Nachbarn steigen immer öfter auf den Sattel. Der E-Bike Markt in Europa boomt. Wir haben mit Sebastian Lüttig gesprochen. Er ist Chef des Marktforschungsunternehmens mod21. Zusammen mit Greenfinder, einem Vergleichsportal für Elektrofahrzeuge, haben sie Ende 2015 eine Studie vorgestellt, die die E-Bike Marktentwicklung in ganz Europa aufzeigt.

Nach der Erststudie zum deutschen E-Bike Angebotsmarkt vor etwa eineinhalb Jahren haben Sie sich dem europäischen Markt zugewandt. Wie bewältigt man so eine Mammutaufgabe?
Die Deutschland-Studie von 2014 bildete bereits eine gute Grundlage für die aktuelle Europa-Studie, sodass wir nicht von Null anfangen mussten. Auch damals waren bereits internationale beziehungsweise europäische Modelle und Marktspieler mit in der Betrachtung, zumal Deutschland mengenmäßig der mit Abstand größte Absatzmarkt für E-Bikes in Europa ist.

Dennoch war der Aufwand zur Erstellung der aktuellen Studie nicht unerheblich, was nicht zuletzt an dem sehr fragmentierten Markt liegt. So haben wir für den aktuellen Report beispielsweise etwa 500 Unternehmen hinsichtlich Organisation, Größe und Angebot betrachtet.
Wesentliche Basis ist die kontinuierliche Auswertung von einer Vielzahl von Sekundärquellen wie statistische Erhebungen, Marktberichte, Presse- und Firmendatenbanken, Unternehmensveröffentlichungen und Fachpresse. In diesem Zusammenhang profitieren wir bei mod21 von unserer langjährigen Erfahrung im Desk Research und der Aggregation und Interpretation existenter Aussagen und Daten.

Weiteres wichtiges Fundament ist die Anzahl der beschriebenen Modelle in der Vergleichsplattform Greenfinder, die wir statistisch als Grafiken in der Studie darstellen. Innerhalb eines Jahres hat sich die Anzahl der Marken und Modelle durch die kontinuierliche Erfassung von Modellen aus anderen europäischen Ländern auf etwa 8.500 Modelle von etwa 380 Marken verdoppelt. Hinzu kommen Vergleichsdaten zu Motoren.
Nicht zu vernachlässigen sind zudem tiefergehende Gespräche mit Experten von Herstellern, Presse oder Testeinrichtungen, um das Gesamtbild an dem einen oder anderen Punkt abzurunden.

Wie entwickelt sich der Markt für Elektrofahrräder in Europa?
Europaweit gesehen befinden wir uns meiner Ansicht nach in einem noch recht jungen Wachstumsmarkt, wobei einige wenige Vorreiterländer sich ihrer Wachstumsgrenze nähern. Dazu gehören die Niederlande, Belgien oder die Schweiz. Bei unseren holländischen Nachbarn hat bereits fast jedes vierte verkaufte Rad einen Elektroantrieb. Die beiden anderen entwickelten Ländermärkte, Deutschland und Österreich, haben demgegenüber noch Nachholpotential.

Interessant wird es sein zu sehen, welche weiteren Länder sich kurz- bis mittelfristig zu einem Massenmarkt für E-Bikes entwickeln, Frankreich hat zuletzt beträchtlich im Absatz zugelegt. Von den kleineren Märkten sehe ich zudem besonderes Potential in Italien, Schweden, Großbritannien, Tschechische Republik und Norwegen.
Bei der Prognose zur Marktnachfrage sollte man jedoch immer mit kurzfristigen Schwankungen rechnen, zum Beispiel aufgrund schlechter Wetterbedingungen in einem Jahr.

Langfristig schätzen wir, dass sich der europaweite E-Bike Absatz von etwa 1,2 Millionen in 2014 auf 2,3 Millionen bis zum Jahr 2020 fast verdoppeln wird. Das Marktvolumen für den Verkauf neuer E-Bikes würde dann etwa 3,5 Milliarden Euro betragen.

Sebastion Lüttig Sebastian Lüttig In einem Modul Ihrer Studie geht es um die Nutzerkategorien. Gibt es bald einen neuen Trend, auf deutschen Straßen zu bestaunen?
Die Nutzerkategorien haben wir bereits im Jahr 2013 zusammen mit unseren Kollegen bei Greenfinder definiert. Bereits zu diesem Zeitpunkt wollten wir eine Trennung zwischen den Nischenkategorien Kompakt, Lasten, Sport, Lifestyle und Spezial, um zu sehen, wie sich diese Bereiche entwickeln. Prozentual zur Zahl aller Modelle konnten wir ein Anstieg der Modellzahlen bei Lastenrädern und Lifestyle-Rädern beobachten, während Kompakt und Sporträder eher zurückgingen. Dabei haben wir die Modelljahre 2012+13 mit denen von 2014+15 verglichen.

Aktuell werden Lastenräder von Gewerbetreibenden und Privatleuten gerade im innerstädtischen Verkehr als Alternative zum PKW-Transport wahrgenommen. Die Nachfrage und die Anzahl der Modelle von E-Bikes zum Transport steigt hier nach und nach.
Zudem wird sich der E-Mountainbike Trend weiter etablieren. In diesem Zusammenhang, könnte sich trotz einiger Nachteile im Fahrverhalten ein Trend zum Fatbike als „SUV-Cruiser“ und Ausdruck des Lifestyles entwickeln.

Hinsichtlich zukünftiger E-Bike Kategorien hat der Test Spezialist ExtraEnergy neue Produktgruppen im Visier und teilweise bereits in ihr Testmodell mit aufgenommen. Dazu zählen das „Jugend Pedelec“ als Spaß-Mobil, das Flotten Pedelec geeignet für verschieden Fahrertypen oder das Race Pedelec als KfZ-Ersatz.

Herr Lüttig, Sie haben den Überblick über die verschiedenen Hersteller von Rädern, kennen deren Produktionsstätten und die unterschiedlichen Antriebskonzepte. Kann ein Verbraucher 2016 mit einem guten, „grünen“ Gewissen ein Bike kaufen, oder ist vieles nur Augenwischerei?
Per se ist das E-Bike ein Fortbewegungsmittel, das umweltbelastende Alternativen wie Moped oder partiell auch die Fahrt mit dem Auto ersetzen kann.
Wie bei allen Fahrzeugen im Bereich der Elektromobilität hängt auch bei E-Bikes der ökologische Fußabdruck maßgeblich von den Batterien selbst sowie dem zur Aufladung verwendeten Strom zusammen. Im Vergleich zu China, wo Bleibatterien dominieren, werden in Europa fast ausschließlich leistungsstärkere Lithium Batterien mit verschiedenen Zellchemien verwendet. Dies ist zunächst positiv, dennoch besteht hier noch einiges an Entwicklungsbedarf in Bezug auf Sicherheit, Leistungsfähigkeit, Langlebigkeit und Standardisierung der Akkus. Organisationen wie die Battery Safety Organization BATSO oder EnergyBus treiben diese Themen voran.

Eine andere Frage sind die Bedingungen an den Produktionsstätten. Ein Großteil der Räder und Komponenten werden wie auch beim Fahrrad in Asien oder zum Teil in Osteuropa gefertigt. Häufig produzieren taiwanesische und chinesische Firmen auch in Vietnam, Bangladesch, Kambodscha und Laos. Die Produktionsbedingungen für die Mitarbeiter vor Ort sind für Käufer aus Europa nur schwer nachvollziehbar.
Um hier dem Verbraucher mehr Transparenz zu geben, hat zum Beispiel die ZEG (Marken Pegasus, Bulls, Zemo) den eingerichteten Qualitätsrat in die Fabriken des Zulieferers Strongman (TW) in Vietnam und in Kambodscha geschickt, um dort die Arbeitsbedingungen zu schildern.

Letztlich bleibt dem Verbraucher wie bei vielen anderen Produkten nichts anderes übrig, als sich über Unternehmen und Produkt genau zu informieren sowie bei E-Bike Händlern nachzufragen.

e-Bike Studie EuropaWelche Kriterien sollten wir beim Kauf beachten, damit man tatsächlich ein nachhaltiges Produkt erwirbt?
Leider gibt es kein einheitliches Siegel oder Produktzertifikat, das dem Verbraucher bei der Kaufentscheidung als einfache Hilfe beiseite steht. Bei Batterien ist das BATSO Zertifikat ein möglicher Indikator, wobei sich erst wenige Batteriehersteller haben zertifizieren lassen. Man sollte darauf achten, dass der Akku möglichst langlebig ist, d.h. möglichst viele Ladezyklen ermöglicht.

Grundsätzlich sind qualitativ hochwertige Räder mit entsprechenden Komponenten tendenziell langlebiger, wartungsärmer und damit ökologischer.

Der Kauf beim Händler vor Ort ist dem Online-Handel vorzuziehen. Neben den Testfahrten vor dem Kauf und dem Service nach dem Kauf sollte ein guter Händler auch Auskunft über Hersteller und die Wertigkeit der Komponenten geben können.
Zudem lohnt sich auch immer ein Blick auf kleinere E-Bike Manufakturen in Europa, die zumindest teilweise noch in-house produzieren und auf Nachhaltigkeit bei Komponenten achten.

Zum Vergleich der Räder eignen sich vorab Plattformen wie Greenfinder.de oder die Lektüre von Tests wie ExtraEnergy oder Elektrorad. Das Öko-Institut veröffentlicht auf seiner Seite ecotopten.de auch eine Übersicht über E-Bikes, die als ökologisch eingestuft werden.

Herr Lüttig, vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Florian Simon Eiler,   Fotos: pixabay

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