„Die Welt ein kleines Bisschen besser machen.“ - Mit diesem Ansatz schießen „grüne“ Startups wie Pilze aus dem Boden. Verwundert reibt man sich als Verbraucher die Augen, wenn man per App Lebensmittel bei sich um die Ecke ausfindig machen kann, die übermorgen ihr Mindesthaltbarkeitsdatum verlieren - günstig einkaufen und damit den Lebensmittelmüllberg ein wenig reduzieren helfen. Erholen kann man sich von der Shopping-Tour auf einer Parkbank. Sie ist an eine grün bemooste Wand, einen sogenannten CityTree, montiert, der mit Vorliebe Feinstaub frisst. Ein kleiner Beitrag für zunehmend saubere Luft in unseren Metropolen. In Wien gibt es Belohnung für soziale Arbeit, in den Niederlanden werden Recycling-Ideen am Fließband geboren und in Berlin trifft sich alles, was Rang und Namen hat, um fair produzierte und nachhaltige Mode zu bestaunen.

Copyright CityTreeCityTree in Oslo; Copyright CityTreeMitten aus unserer Gesellschaft erwachsen Fragen nach dem „wie wir leben“. Experten monieren, dass unsere Lebensweise bisher sehr wenig dazu beigetragen habe, dass wir mit voller Stolz den Planeten an unsere Enkel weitergeben können. Eine ständige wachsende Zahl von Menschen, die nach Lösungen suchen, findet sich beispielsweise in der „degrowth“-Bewegung. Sie stellen die provokante Frage: „Schadet dem Menschen das Streben nach immer noch mehr Wachstum mehr, als es ihm gut tut? Postwachstum also als Chance, um die weitere Vergiftung, Vermüllung und Erwärmung unseres Planeten zu stoppen.

Die Idee von Cradle to Cradle (C2C) steht dem Wachstumsgedanken eher neutral gegenüber. C2C, übersetzt „von der Wiege zur Wiege“, baut auf Materialkreisläufe und positiv definierte Materialien, die für Mensch und Umwelt gesund sind.

Bei cradle to cradle entsteht kein Müll
Rohstoffkreisläufe nehmen die zentrale Rolle in dem Konzept ein. Dabei unterscheidet man zwischen einem biologischen und einem technischen Kreislauf. Beide sind einfach erklärt: Obst und Gemüse wächst. Bei der Ernte fallen Schalen, Strunk usw. an. Diese „Bio-Abfallprodukte“ werden nicht weggeworfen, sondern kompostiert und später zur Düngung des Apfelbaums wieder eingesetzt. „Am Ende darf kein Müll entstehen“, erklärtNora Sophie Griefahn. Sie ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Cradle to Cradle-Vereins. Man könne die richtigen Dinge tun, um gar keinen Abfall mehr zu erzeugen. „Materialien gebrauchen, statt kopflos zu verbrauchen“, so Griefahn. Ein Anspruch, der beim technischen Kreislauf in unserer Wegwerfgesellschaft alles andere als gegeben ist. Beispiel Alt-Computer: Die meisten Teile des Geräts werden einfach weggeworfen.

Ziel von Cradle to Cradle ist, dass alle Bestandteile, und gemeint sind wirklich alle, wiederverwendet werden können. Wissenschaft und Technik sind inzwischen soweit, Materialien derart aufzubereiten, dass sie in neuen Gegenständen problemlos und ohne jede Qualitätsminderung eingebaut werden können.    

Das dass alles nicht nur bloße „grün-gefärbte“ Träumerei ist, zeigt eines der größten Containerschiffe der Welt. Die von der dänische Reederei „Maersk Line“ gebaute, 400 m lange, über die Weltmeere schippernde Rohstoffbank besitzt einen „C2C-Passport. In dem Pass sind alle im Schiff verbauten Materialien gelistet. Wird der Containerriese abgefrackt, kann jede einzelne Schraube, jeder Bolzen und der Bordcomputer wieder verwendet werden.

Foto: cradle to cradle e.V.Foto: cradle to cradle e.V.Zurück auf trockenem Boden, in Deutschland, bei Cradle to Cradle e.V. Die Organisation macht derartige Projekte wie das voll recyclefähige Containerschiff erst möglich. Die Organisation mit seinen 22 Regionalverbänden und 300 ehrenamtlichen Aktiven sieht sich als Vermittler zwischen Politik, Industrie und Wissenschaft. „Wir gehen rein in die Unis und erzählen von Cradle to Cradle“, erzählt Tim Janßen, selbst Wissenschafter mit Fokus auf Nachhaltigkeitsmanagement. Wichtig sei bei der Übermittlung der Idee ein „Perspektivenwechsel“. Der C2C-Dozent: „Ein Ingenieur hat sicher ein spezifisches Fachwissen und geht die Sache von einer ganz anderen Warte aus an.“ Der Verein sehe sich hauptsächlich als „Rahmen für engagierte Menschen“.

C2C-Produkte wecken bei dem Verbraucher großes Interesse
Engagiert muss man auf alle Fälle sein, wenn man ein konsequent C2C-konzipiertes Produkt auf den Markt bringen möchte. Soll heutzutage ein „grünes“ Produkt im freien Markt funktionieren, muss auch das „Drumherum“ in Ordnung sein. Stichwörter wie fairer Handel, Sozialstandards der Angestellten und Bauern, CO2 - Fußabdruck und ressourcenschonende und umweltfreundliche Anbau-, Ernte- und Weiterverarbeitungsmethoden. Das Berliner Startup leef hat diesen Schritt gewagt. Es macht aus heruntergefallenen Palmblättern der Areka-Palme in Indien kompostierbares Geschirr und verkauft es erfolgreich im „hauseigenen“ Online-Shop. In Baden-Württemberg ist der Sitz von Trigema, einem wahren Pionier in Sachen C2C in Deutschland. Schon vor Jahren hat die Firma mit ihren kompostierbaren T-Shirts für Aufsehen gesorgt. Ein mutiger Schritt, der belohnt wurde. „Das Cradle to Cradle-Konzept wird von den Kunden gut angenommen, die Nachfrage steigt“, sagt Sabine Breusch von der Trigema Werbeabteilung.

Umso verständlicher ist, dass der erste Internet-Shop mit rein Cradle to Cradle zertifizierten Produkten seine Eröffnung vorbereitet. Im Netz sammelt cradlelution aus Lüneburg mit Crowdfunding Startkapital für die ersten Klicks auf C2C Bio Kapuzen-Sweatshirts.

Von der Wiege zur Wiege – die Idee einer müllfreien Welt, in der alles gebraucht und wiederverwendet wird, ist längst den Kinderschuhen entschlüpft und auf dem Weg, erwachsen zu werden.

Florian Simon Eiler

Foto: pixabay,   big merci

Müllfrei lebenZum selben Thema:
Müllfrei leben - Eine Vision sorgt für Aufsehen: Der Verein cradle to cradle