Sucht man nach einem Land, in dem sich immer wieder besonders talentierte Alpha-Tiere gekonnt in Szene setzen, so ist wird man schnell fündig in der Provinz Bavaria. Der Vergleich mit einem Gockel auf dem Misthaufen ist geschichtlich gesehen zwingend notwendig. Schon im frühen 17. Jahrhundert haben sich sogenannte „Haberfeldmeister“ unter dem weiß-blauen Baldachin zwei weiße Gockelfedern an ihren Hut gesteckt. „Und so a Glosse zur Bayerischen EnergiepolitikMoasta“ war der Chef einer gleichsam paramilitärischen Einheit, den Haberern. Ein bunt gewürfelter Haufen von Bauern, Handwerkern und einfachen Arbeitern. Gab es eine Schand im Dorf, schritt der Meister zur Tat. „Auf geht’s, Buam!“, rief er mit sonorer Stimme und zog mit den Seinen ins Felde. Und diese Buam folgen in Bayern all die Jahrhunderte hindurch. Kleben an den Lippen ihres Bosses.

Im 21sten ist das Ministerpräsident Seehofer. Sein weibliches „Alter Ego“, Ilse Aigner, Bayerns Wirtschaftsministerin, hat jetzt kürzlich etwas sagen dürfen. Und zwar, dass die Gleichstrom-Trasse, genannt Südlink, einfach nach Westen verschoben wird. Die Trasse würde dann durch Baden-Württemberg und Hessen statt durch Bayern führen. „Hund sans scho de in Bayern.“ Windräder, Stromtrassen passen schlichtweg nicht ins saftig-grüne Alpenpanorama. „An Strom brauchan de in Minga gnua“, und der kommt bekanntlich aus der Steckdose. Vielmehr von den Nachbarn. In Hessen und Baden-Württemberg sprechen sie gar von „Unverschämtheit“.

Seehofer und die StromtrassenAch Gott, die „guade oide Zeit“! Manches bayerische Kabinettsmitglied wünscht sich bei solchen Anlässen das alte Brauchtum zurück. Früher schmiss sich in tiefster Nacht eine Gruppe von hehren, „gstandnen Mannsbuildern“ dem Sündenpfuhl entgegen. Schwarz war man schon damals. Die Haberer schmierten sich extra Kohle ins Gesicht. Ziel war meist ein Hof, auf dem eine ledige, schwangere Magd ihr Dasein fristete. Wichtig bei der Aktion: „Gschau“ erregen.

Mit Kuhglocken, Rasseln und Gewehrsalven trommelten sie das Dorf aus ihren Betten. Jeder sollte es hören und jeder sollte dabei sein, wenn die Haberfeldtreiber ihr Rügegericht abhielten. Für Recht und Anstand sorgten. Es war die Zeit unseres Gockels. Hatten sich genügend Zuhörer eingefunden und die Magd bibberte vor Angst, legte er los. „Is des wahr“, schrie er zwischen seinen Diffamierungen immer wieder in die Menge, und die schwarzen Burschen plärrten zurück: „Ja, es is wahr.“ Dabei immer wieder Höllenlärm. Es darf angenommen werden, dass bei solchen Aktionen der leibliche Vater des ungeborenen Kindes unter den Richtern war oder sich regelmäßig selbst mit der Leiter Eintritt in Frauenquartiere verschaffte. Ohne über die Konsequenzen der Betroffenen nachzudenken. Wer hier Scheinheiligkeit erkennen mag, liegt falsch. So etwas gibt es in Bayern nicht.

„Haberfeldmeister“ Seehofer mit seinem „weiblichen Ich“ hat wieder einmal das weiß-blaue Wahlvolk am Stammtisch mit 1000 Volt gestreichelt. Wehmütig denkt er an den alten Brauch zurück, während er zärtlich über seine zwei Gockelfedern in der Schublade streicht.

Florian Simon Eiler

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