"Schon stund im Nebelkleid die Eiche. Wie ein getürmter Riese da!“ Ohh, ja...Wie sehnt man sich nach solch erlesenen Worten und noch dazu von unserem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe. Sicher saß dieser, wie schon ein paar hundert Jahre vorher der aufgepumpte Siegfried, sinnierend und sich erholend unter einem dieser sommergrünen Blätterdächer. Der Unterstand bot aber auch etwas für die Actionfreunde. Mal huldigte man mit Opfergaben dem Gewittergott Donar, während links und rechts die Blitze einschlugen. Ein anderes Mal droschen Knechte unter Aufsicht eines Typen namens Bonifatius christliche Äxte in den Stamm.
Die Eiche - kein anderer Baum ist so mit der deutschen Geschichte verwurzelt wie sie. Die Quercus robur. Sie alleine thront majestätisch auf weiter Flur oder eher unscheinbar in archaischen Wäldern.
„Bosco Verticale“ Foto: Bild: www.plaz.it„Bosco Verticale“ Foto: Bild: www.plaz.itDoch was jetzt kommt, bringt selbst die alten Rinde der Steineiche (Quercus ilex) zum Platzen. So ein durchgeknallter Mailänder hat nichts Besseres zu tun, als die alte Eiche und Dutzende ihrer Kollegen wie Birke, Kastanie und Pinie, in Hochhäuser einzupflanzen. „Bosco Verticale“ heißt das Projekt auf Italienisch - „vertikaler Wald“ auf Deutsch. Initiator ist der Architekt Stefano Boeri. Er hat Botaniker und Wissenschaftler um sich geschart.
 
Aus der Sicht der Wurzler ist dem Typen nichts heilig. Dutzende Male zerrte er eben unsere Eiche und ihre Kollegen in den Windkanal. Setzte sie den heftigsten Stürmen und Wetterkapriolen aus, die nun mal im 18. Stock am Mailänder Himmel so stattfinden und entwickelte zusammen mit einer Botanikprofessorin Spezialerde aus vulkanischem Bimsstein. Verdammt leicht und mit Nährstoffen angereichert.
Zu guter Letzt wurde die Eiche samt den anderen Bäumen, Büschen und Bodendeckern in der Außenhülle der zwei Gebäude verteilt.
„Va a farti fottere!“, donnerte die Eiche den Kranführern entgegen, als sie diese auf 112 Meter Höhe hinaufhievten. Bis heute wurde uns nicht zugetragen, ob sie sich auch noch ordentlich ausgekotzt hat. Bodenständige deutsche Eichen sind nun mal nicht schwindelfrei. Goethe hätte längst reagiert. Er wäre mit der nächstbesten Postkutsche über den Brenner gepoltert und hätte dem Mailänder Herzog ordentlich den Marsch geblasen.
 
Doch silenzioso! Beim genaueren Betrachten hätte er in dem Architekten Boeri einen Sturm und Dränger erkannt. Ja, doch. Der vertikale Wald mit einem neuen Mikroklima, das Klimaanlagen völlig unnötig macht, Tonnen an Kohlendioxid schluckt und das Stadtbild grüner, nachhaltiger erscheinen lässt. Es lebe die Revolution. Ein steingewordenes Manifest der neuen urbanen Lebensweise.
 
Unlängst las man in einer Ausgabe des „Libero“: „Unter dem grünen Baldachin seh ich das freche Blitzen der Vespa von bella ragazza Senorita Licci!...“ Das ganze Gedicht des Bosco Verticale-Bewohners wurde hier nicht abgedruckt. Aus gutem Grund:
 
Dann könnte nämlich Folgendes passieren, dass unsere deutsche Eiche doch Reißaus nimmt, und wie ihr Kollege Baumbart aus Herr der Ringe, ihre eigene Revolution anführt.
 
Florian Simon Eiler,   Bilder:pixabay
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