Mit Bärlauch, Johanniskraut und Co. kennt sich Prof. Dr. Friederike Störkel von der FH Münster aus – auch mit den Nebenwirkungen

Münster - Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt Beschwerden, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Schlimmer noch, es gibt Kräuter, die können gar schaden. Nicht in einem Satz aber kann man erklären, wogegen Heilkräuter helfen können. Gut zwei Stunden kann darüber Prof. Dr. Friederike Störkel vom Fachbereich Gesundheit der FH Münster fachsimpeln. Nicht allein deshalb, weil sie aus einer Botanikerfamilie stammt, mit Pflanzen großgeworden ist und in ihrem eigenen Garten über 40 Heilpflanzen hat, sondern auch, weil sie sich als Ärztin kritisch mit Chancen und Grenzen der Wirkungsweise von Heilpflanzen auseinandersetzt.

Prof. StörkelJohanniskraut enthält einen Wirkstoff, der leichte Depressionen lindert. Aber Vorsicht: nicht verwechseln mit dem giftigen Jakobskreuzkraut“, erklärt Prof. Dr. Friederike Störkel vom Fachbereich Gesundheit der FH Münster. Das Interesse an ihnen teilt die 58-Jährige mit vielen Menschen. Es boomen die Angebote von Kursen, Websites, Büchern und Workshops mit Anleitungen zum Sammeln und zur Anwendung von Heilpflanzen – wie etwa zur Herstellung von Tees, Salben und Gewürzmischungen. Störkel sieht viele Gründe für diesen Trend. „Immer mehr Menschen suchen neben der klassischen Schulmedizin nach Alternativen, mit denen sie hoffen gesund zu bleiben, Krankheiten vorzubeugen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Da können sie nämlich selbst aktiv werden, ohne medizinische Hilfe. Auch der Wunsch nach Ganzheitlichkeit, nach Natürlichkeit, nach Überschaubarkeit von Heilmitteln oder  Behandlungen spielt sicher eine Rolle.“

So neu sei dies allerdings nicht: Bereits in der Antike wurden in Europa Heilpflanzen angewandt, und bis heute werden pflanzliche Arzneimittel hergestellt. Das alte Wissen wäre jedoch verloren gegangen, wenn nicht in Klöstern medizinische Schriften für die Bibliothek kopiert worden wären. Rückblickend haben Nonnen und Mönche sich große Verdienste als Bewahrer des alten Wissens erworben. „Gerade jetzt, in der Ferienzeit, lohnt sich ein Abstecher in einen Heilpflanzengarten, beispielsweise zum legendären Hortulus der Insel Reichenau, zu klösterlichen Kräutergärten wie in Dahlheim oder zum Apothekergarten in Seligenstadt“, empfiehlt Störkel.

Mit den Planungen für einen eigenen kleinen Gewürz- und Heilpflanzengarten zu beginnen, egal ob im Beet oder in Töpfen, dafür sei bald der ideale Zeitpunkt gekommen: der Spätsommer und Herbst – damit im nächsten Jahr geerntet werden kann. „Das ist auch ein erster Einstieg in die Beschäftigung damit, welche Heilpflanzen wir für welchen Zweck verwenden möchten.“

PfefferminzteeDie Pfefferminze ist ein bewährtes Heilmittel bei Kopfschmerzen, Erkältungen und Magen-Darm-Verstimmungen.Dies ist aber auch wichtig für jene, die die Natur als Quelle von Heilpflanzen nutzen möchten. Denn viele Heilpflanzen haben einen giftigen Doppelgänger, wie etwa der gesunde Bärlauch, dessen Blätter den giftigen Maiglöckchenblättern zum Verwechseln ähnlich sehen. Auch über Nebenwirkungen und Anwendungsverbote für die einzelnen Pflanzen muss man Bescheid wissen. „Da reicht es nicht, die Klosterrezepte aus dem Mittelalter einfach in das Hier und Jetzt zu übertragen“, sagt die Hochschullehrerin für Medizinische Grundlagen und Public Health. Dazu gehöre auch zu akzeptieren, wo die Grenzen sind. So sollte Pfefferminztee beispielsweise nicht auf eigene Faust trinken, wer Gallensteine hat. Und wer sich aus Beinwellwurzeln eine Salbe gegen Verstauchungen und Prellungen zubereitet, sollte wissen, dass die Wurzeln einen krebserregenden Inhaltsstoff haben.

Wichtig ist auch, jene Pflanzen zu kennen, die Allergien auslösen können, auch bei äußerlicher Anwendung. Arnica zum Beispiel: Wer es über Sport- und Körperpflegecremes zu sich nimmt, kann sich sensibilisieren. „Damit schließt sich der Wirkstoff aus, wenn er gebraucht wird“, so Störkel. Auch Heilpflanzen und Gewürzkräuter können überdosiert werden, man sollte sie nicht „mal eben so im Vorbeigehen“ anwenden. „Auch sie sind Arzneimittel.“ Letztendlich zählt auch hier: Was tut mir gut? Und warum?

Genau das lässt sich oft nicht eindeutig beantworten. Störkel: „Ist der Melissentee wegen des eigentlichen Wirkstoffs Citral so beruhigend, oder komme ich schon zur Ruhe, weil ich das Kraut sammele, trockene, zubereite und ich mich als Person stärke?“ Das eine sei, wie der Patient es interpretiere, das andere, worauf die Wirkung wissenschaftlich zurückgeführt und womit sie belegt werden kann.

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Nicht jedes Kraut ist ein Heilkraut, nicht alle Teile wie Wurzeln, Blätter und Blüten eignen sich als solches. Darüber Wissen anzusammeln, erfordert, dass wir mit der Natur in Kontakt bleiben. Beginnen kann man damit nicht früh genug. „Kinder mit den Traditionen vertraut machen, aber nicht überfrachten mit der Bedeutung“, ist Störkels Tipp. Bei ihr hat es gut funktioniert.
Quelle: Text und Porträt: FH Münster/Pressestelle/Bilder: Pixabay

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