Medizin muss bitter schmecken, sonst nützt sie nix". Wer kennt nicht den berühmten Satz aus dem Film "Die Feuerzangenbowle"! Und wer erinnert sich nicht an dieses unerfreuliche Geschmackserlebnis aus Kindertagen. Denn Kinder empfinden "bitter" besonders intensiv. Sie haben hierfür deutlich mehr Geschmacksknospen als Erwachsene. Aber auch viele Erwachsene meiden Bitteres. Sie bevorzugen süße, salzige oder scharfe Geschmackseindrücke. Doch Bitterstoffe tun Körper und Seele gut. Auf verschiedene Weise können sie unser Wohlbefinden steigern. Wir sollten uns also nicht abschrecken lassen und uns ab und zu diese kleine sinnliche Herausforderung gönnen.

Bitterstoffe als Medizin
Bitterstoffe sind eine Wohltat für den ganzen Organismus. Kaum im Mund regen sie schon die Speichelsekretion an. Auch der Saftfluss von Magen, Galle und Bauchspeicheldrüse kommt durch bittere Geschmacksnoten in Schwung. Bitterstoffe wie Intybin in Chicoree oder Cynarin in der Artischocke beschleunigen die Magenentleerung und stimulieren den Darm. Noch dazu unterstützen sie durch die vermehrte Bildung von Leukozyten unser Immunsystem. Außerdem begünstigen Bitterstoffe die Resorption von Eisen und Vitamin B12 und regen damit die Blutbildung an. Aber sie können noch mehr: Ihre antriebs- und energiesteigernde Wirkung hilft müden und unkonzentrierten Menschen auf die Sprünge. Sogar bei schlechter Stimmung – und selbst bei Depressionen – können Bitterstoffe hilfreich sein.

Pflanzen haben verschiedene Bitterwerte
Viele Wildkräuter und Heilpflanzen enthalten Bitterstoffe. Die Pflanze bildet sie, damit Kuh und Co. sie nicht fressen, quasi als Überlebensstrategie. Wie stark bitter eine Pflanze schmeckt, lässt sich am Bitterwert erkennen. Ein Bitterwert von 10.000 bedeutet beispielsweise, dass ein Extrakt von einem Gramm getrocknetem Pflanzenkraut (Droge) in 10.000 Millilitern Wasser gerade noch bitter schmeckt. Der Gehalt an Bitterstoffen variiert von Pflanze zu Pflanze. Zu den Vertretern mit niedrigem Bitterwert gehören Löwenzahn (100) und Wegwarte (800). Schafgarbe besitzt einen Bitterwert von 3.000, Artischocke 10.000 und Wermut bis zu 20.000. Spitzenreiter unter den Bitterstoffpflanzen ist der Gelbe Enzian mit einem Bitterwert von 30.000.

Die Wurzeln des Löwenzahn sind besonders bitterDie Wurzeln des Löwenzahn sind besonders bitterDie Wiesenapotheke – ein Geschenk aus der Natur
Schon bei einem Spaziergang in die Natur können wir uns die heilsame Kraft heimischer Wildkräuter zu eigen machen – botanische Kenntnisse und Sammelkorb vorausgesetzt. Naturbelassene Wiesen und Gärten sind wahre Fundgruben für diese Kostbarkeiten. Bereits früh im Jahr macht der Löwenzahn mit seinem leuchtenden Gelb auf sich aufmerksam. Löwenzahnwurzeln sind im Frühjahr besonders reich an Bitterstoffen, die jungen Blätter dagegen noch recht mild. Ab Ende Mai ist die Schafgarbe mit ihren cremeweißen Blütendolden nicht zu übersehen. Die wertvollen Bitterstoffe befinden sich hier vor allem im Kraut. Später lädt die Wegwarte mit ihren himmelblauen Blüten zum Sammeln ein. Ob Wurzeln, Blätter oder Blüten – das kleingeschnittene Sammelgut eignet sich bestens zum Würzen von Salaten und Soßen.

Großes Kräuterangebot in Bioqualität
Ähnlich wie Wildkräuter müssen Biopflanzen sich aus eigener Kraft davor schützen, gefressen zu werden. Denn im ökologischen Anbau kommen keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Beispielsweise weiß man von Akazien, dass sie als Fraßschutz verstärkt Bitterstoffe bilden. Vermutlich trifft das auch auf viele Biokräuter zu. Diese besonders heilkräftigen Pflanzen können wir im Garten oder auf dem Balkon beherbergen. Immer mehr Gärtnereien bieten eine große Vielfalt an Kräutern in Bioqualität an. Von A wie Artischocke bis Z wie Zwergysop – hier bleibt kein Kräuterwunsch offen.

Darüber hinaus steht uns die heilkräftige Bitterwirkung der Pflanzen auch in Form von Frischpflanzenpresssäften oder Tinkturen – Kräuterauszüge mit Alkohol – zur Verfügung.

Bitter mit Bedacht genießen
Bitterstoffe, gezielt eingesetzt zum Appetitanregen oder für die Verdauung, werden idealerweise eine halbe Stunde vor dem Essen eingenommen. So werden Speichelfluss und andere Verdauungssäfte optimal angeregt. Auf die Beigabe von Süßungsmitteln sollte man zugunsten der Bitterwirkung verzichten. Eine Ausnahme ist Süßholz – es mildert den bitteren Geschmack ohne die Bitterwirkung zu verändern. Viel hilft viel – dies trifft keineswegs auf Bitterstoffe zu! Bereits wenige Tropfen einer Kräutertinktur führen zur erwünschten Wirkung. Alternativ kann man auch auf einem Blättchen Wermut aus dem Garten kauen.

Bitterstoffe im Biogemüse
Auch im Gemüse, etwa in der Endivie, stecken von Natur aus viele Bitterstoffe. Da bitter unbeliebt ist, haben die Pflanzenzüchterinnen und Pflanzenzüchter den Bittergeschmack leider aus unseren Nahrungspflanzen weitgehend herausgezüchtet. Auch aus der einst bitteren Zucchini wurde eine bitterstofffreie Kulturform entwickelt – dies aber aus gutem Grund: Cucurbitacin, der betreffende Inhaltsstoff der Zucchini, kann sogar tödlich sein. Unter bestimmten Bedingungen kann er sich wieder in die Zucchinifrüchte einschleichen. Hierzu gehört Stress durch Hitze, Trockenheit oder starke Regenfälle während der Vegetationszeit. Außerdem ist bei der Weiterverwendung der Samen aus eigenem Zucchinianbau Vorsicht geboten. Hier ist unbedingt darauf zu achten, dass kein artverwandter Zierkürbis in der Nähe der Zucchini wächst. Denn auch Zierkürbis enthält Cucurbitacin und könnte durch Befruchtung der Zucchini das lebensgefährliche Gift wieder übertragen.

Text: okolandbau.de, Bilder: pixabay

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