Berlin - Die Kennzeichnung so genannter alkoholfreier Biere ist irreführend und nicht verbraucherfreundlich. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, die foodwatch beauftragt hat. Demnach gehen fast zwei Drittel der Befragten davon aus, dass ein „alkoholfreies“ Bier keinerlei Alkohol enthält. Tatsächlich aber sind bis zu 0,5 Vol.-Prozent üblich und auch zulässig.

„Die Ergebnisse untermauern, was foodwatch schon seit Jahren bemängelt: Die Alkoholangabe im Kleingedruckten, zu der sich die Brauerei-Branche vor zwei Jahren durchgerungen hatte, führt nicht zu mehr Transparenz“, kritisierte Lena Blanken von foodwatch. Zwar „empfiehlt“ der Deutsche Brauerbund seinen Mitgliedern seit 2014 eine „freiwillige Kennzeichnung des Restalkoholgehaltes alkoholfreier Biere (Alk.<0,5 %vol.)“. Ein Blick in die Supermarktregale zeigt jedoch: Wenn überhaupt, erfolgt diese Angabe im Kleingedruckten, auf der Rückseite oder am Flaschenhals. Der Brauerbund ist nicht bereit, auf die irreführende „alkoholfrei“-Angabe zu verzichten und diese durch einen unmissverständlichen Begriff wie „alkoholarm“ zu ersetzen.

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Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich allerdings zu 90 Prozent eine andere Kennzeichnung, so ein weiteres zentrales Ergebnis der repräsentativen Emnid-Befragung: Fast die Hälfte findet, Biere mit bis zu 0,5 Vol.-Prozent sollten als „alkoholarm“ ausgewiesen werden. Gut ein Fünftel votierte für „alkoholreduziert“. Nur zehn Prozent sprachen sich für „alkoholfrei“ aus. Das sind noch weniger als in einer 2013 durchgeführten Studie, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft selbst finanziert hatte. „Diese Umfrageergebnisse sind ein Armutszeugnis für die Brauerei-Branche – und für Christian Schmidt. Obwohl der Ernährungsminister die Zahlen kennt, ignoriert er sie“, so Blanken. „Sein Verhalten ist dabei geradezu symptomatisch. Der Minister setzt lieber auf weichgespülte freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, anstatt Verbraucherinnen und Verbraucher mit gesetzlichen Vorgaben vor Täuschung und Irreführung zu schützen."

BierMenschen, die bewusst komplett auf Alkohol verzichten wollen – beispielsweise in der Schwangerschaft – können mit der „alkoholfrei“-Kennzeichnung in die Irre geführt werden. Schon 2007 hatte foodwatch erstmals von „legaler Täuschung“ gesprochen und seitdem den alltäglichen Etikettenschwindel immer wieder öffentlich kritisiert. Auf www.abgespeist.de illustrierte foodwatch, wie Verbraucherinnen und Verbraucher durch irreführende Werbung und Etikettierung getäuscht werden. 

Dies betrifft nicht nur die vermeintlich alkoholfreien Biere, sondern auch irreführende Regionalkennzeichnungen, Gesundheitsversprechen auf viel zu süßen, fettigen oder salzigen Produkten und die so genannten Clean Labels, die vorgaukeln, dass bestimmte Zutaten wie Geschmacksverstärker nicht enthalten seien.

2011 reagierte die Bundesregierung und finanzierte das Internetportal www.lebensmittelklarheit.de des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, auf dem Verbraucherinnen und Verbraucher sich über irreführende Produkte beschweren können. Das Portal begeht am 20. Juli seinen fünften Geburtstag. Doch erst wenn die Bundesregierung dem Problem der weit verbreiteten legalen Verbrauchertäuschung bei Lebensmitteln endlich gesetzliche Riegel vorschiebt, bestehe ein echter Grund zum Feiern, so foodwatch.

Die Verbraucherorganisation fordert, dass endlich Schluss ist mit den freiwilligen Initiativen der Lebensmittelwirtschaft. „Die Bundesregierung hat mit dem Informationsportal ‚Lebensmittelklarheit‘ sich selbst und der Ernährungsindustrie bewiesen, dass legale Verbrauchertäuschung an der Tagesordnung ist. Längst ist klar, dass die Branche sich nicht durch ‚Selbstverpflichtungen‘ zu korrekten Produktaufmachungen durchringen wird. So lange Bundesernährungsminister Christian Schmidt die Industrie hätschelt und für ihre wirkungslosen Initiativen lobt, statt wirksame Gesetze vorzulegen, ist er mitverantwortlich für massenhafte Täuschung und Irreführung im Supermarkt“, sagte Blanken. „Ein ‘alkoholfreies‘ Bier das Alkohol enthält – das ist wirklich arm."
Quelle: Text: foodwatch/Bilder: foodwatch, Einl.bild: Pixabay

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