Die Zahl derer, die ihr Leben im Sinne der „Nachhaltigkeit“ gestalten, steigt ständig und damit dürfte das Interesse am Buch Greenwash INC. aus dem Hause Dumont auch dementsprechend groß sein.
Der Autor Karl Wolfgang Flenders hat sich an ein Thema gewagt, dass im feuilletonistischen Literaturbereich noch kaum beackert wurde. Greenwashing – Firmen geben sich einen grünen, nachhaltigen Anstrich. Mit ihrer scheinheiligen Verantwortung gegenüber dem Planeten Erde hoffen sie, ihre Produkte und Dienstleistungen besser an den Gewissen-behafteten Kunden bringen zu können.

Greenwash INCThomas Hessel ist Flenders Hauptperson. Ein arroganter, dem 21.Jahrhundert entschlüpfter Karrierespross, der Apps, Youtube und Twitter genauso für sein täglich Leben benötigt, wie eine Dosis Tranquilizer. Romanfigur Hessel ist das beste Pferd im Stall der Hamburger Agentur Mars & Jung. Aufgabe des Mitarbeiterstabs: ihren Klienten eine blütenreine, grüne Weste zu verschaffen, und das mit allen Mitteln. Der Leser begleitet Hessel beispielsweise in den Dschungel Brasiliens, wo er eine Brandrodung mit einer Schauspielerin cool inszeniert. Vor Ort wird manipuliert, vertuscht und Leute für die eigenen Zwecke missbraucht. Es gibt Schwerverletzte. Irgendwann dreht sich das Blatt und Thomas H. ist der, der am Boden liegt.

Der studierte Literat Flender bleibt dem Leser allerdings die Antwort auf die Frage schuldig, was genau der Job des Protagonisten ist. Wie agieren Konzerne, um sich „grün zu waschen“?
Flender ist 392 Seiten - und die können lang werden – damit beschäftigt, seinem auf dem Reißbrett entstandenen Protagonisten das ganze Alphabet der Nachhaltigkeits-Anglizismen überzustülpen. Er ist so auf seinen erfolgreichen, narzisstischen Schnösel konzentriert, dass er selbst die Konzentration verliert. Beispielsweise beschreibt er sieben lange Seiten Flenders Termin bei seiner Sprechtrainerin. Am Ende, auf Seite 234, geht er aus der Tür und hört eine Amsel im Baum zwitschern. Kurz darauf bemerkt er Kastanien auf dem Boden und steckt eine davon in die Hosentasche. So viel ich weiß, singt hierzulande im Herbst leider kein einziger Vogel mehr.

Greenwash INC. hat die Vorschusslorbeeren für einen aufsehenerregenden Roman über eines der spannendsten Veränderungen in der Wirtschaft Anfang des 21. Jahrhunderts nicht erfüllt.
Es ist ein gut konzipierter Thriller mit interessant-platzierten Menschentypen. Wenn man auch noch Übertreibungen liebt, ist das Buch ein Tipp.

Alle Leser, die Greenwash INC. wegen des Titels gekauft haben, bleiben auf der letzten Seite mit mehr Fragen als Antworten zurück.

Florian Simon Eiler

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